Prämierte Arbeit setzt sich kritisch mit „Neuro-Enhancement“ auseinander. Der mit 2.500 Euro dotierte Nachwuchspreis 2009 der Akademie für Ethik und Medizin (AEM) wurde auf der AEM-Jahrestagung in Berlin verliehen.
Mit dem Nachwuchspreis 2009 hat die Akademie für Ethik in der Medizin (AEM) den Tübinger Philosophen und Medizinethiker Roland Kipke ausgezeichnet. Er erhielt den mit 2.500 Euro dotierten Preis für seine Arbeit mit dem Titel "Was ist so anders am Neuro-Enhancement? Pharmakologische und mentale Selbstverän-derung im ethischen Vergleich". Die AEM-Preis-Jury würdigt damit eine Studie, die sich für einen kritischen Umgang mit den Versprechungen des so genannten „Neuro-Enhancement“ einsetzt. Darunter versteht man die Gabe von Medikamenten, die die mentale Leistung steigern oder Glückszustände herbeiführen sollen. Die Preisverleihung fand im Rahmen der AEM-Jahrestagung Ende September in Berlin statt.
DIE PRÄMIERTE STUDIE
Roland Kipke kritisiert in seiner Arbeit die einseitige Betrachtung des Neuro-Enhancements. Seine Forderung: Neuro-Enhancement müsse im Vergleich mit anderen, traditionellen Methoden der Selbstveränderung gesehen und beurteilt werden. Dazu gehören bekannte Wege der mentalen Selbstformung wie Konzentrationstraining ebenso wie Meditation oder Verhaltensübungen. Befürworter des Neuro-Enhancement verweisen gern auf solche gut angesehenen und wirksamen Methoden, um die Harmlosigkeit der neuen Techniken zu illustrieren. Hier setzt Kipke an: Er zeigt, dass dieser Vergleich oft oberflächlich ist. Und macht damit auf die Gefahren eines unkritischen Umgangs mit Neuro-Enhancement aufmerksam.
Kipke stellt den Vergleich von Neuro-Enhancement und nicht-medikamentöse Selbstformung auf differenzierte Weise an. Dabei zeigt er deutliche Unterschiede auf: So ermöglicht Selbstformung in der Tat wertvolle Erfahrungen hinsichtlich Identität und Glück. Neuro-Enhancement gewährt zwar einige dieser Erfahrungen ebenfalls, aber bei weitem nicht alle. Ein Beispiel ist das beglückende Erlebnis, dass man sich aus eigener Kraft verändern kann: Dieses ist bei der Selbstformung in besonderem Maße gegeben, beim Griff zur Leistung steigernden Pille fällt es weg. Ein zweites Beispiel ist die Erfahrung eines inneren Zusammenhangs des eigenen Lebens, die der dauerhaft an sich arbeitende Mensch machen kann. Auch diese Erfahrung kann Neuro-Enhancement nicht bieten.
Das Fazit von Kipkes wissenschaftlicher Arbeit: Die Schnelligkeit und Einfachheit, die zunächst als Vorteil des Neuro-Enhancement erscheinen, entpuppen sich auf den zweiten Blick als Nachteil. Ein moralisches Verbot ist daraus zwar nicht abzuleiten, aber der gut begründete Ratschlag, auf Neuro-Enhancement besser zu verzichten.
DER PREISTRÄGER
Roland Kipke hat Philosophie, Politikwissenschaft und Geschichte in Göttingen, Siena und Berlin studiert. 2001 erlangte er den Magister mit einer Arbeit zur bioethischen Lebensrechtsdiskussion. Kipke war als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut Mensch, Ethik und Wissenschaft in Berlin, bei der Enquete-Kommission "Ethik und Recht der modernen Medizin" des Deutschen Bundestages und am Institut für Geschichte der Medizin der Charité in Berlin tätig. Seit September 2009 ist er Wissenschaftlicher Koordinator am Interfakultären Zentrum für Ethik in den Wissenschaften in Tübingen. Zurzeit arbeitet Kipke an einer Promotion zum Thema "Neuro-Enhancement und Selbstformung".
Der Nachwuchspreis der AEM wird jährlich ausgeschrieben. Er ist mit 2500 Euro dotiert. Ausgezeichnet werden wissenschaftliche Arbeiten von Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern aus dem Gesamtgebiet der Ethik in der Medizin.