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Call for Abstracts


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AEM-Jahrestagung 2019: Kollektivität im Gesundheitswesen: Ethische Theorien und Praxisfelder von Gruppen als Akteuren 


Vorträge — Poster — Workshops — Präkonferenz-Workshops

In der aktuellen Medizin- und Pflegeethik steht üblicherweise das Individuum im Mittelpunkt. Der Fokus auf individuelle Interessen und Rechte wird vielfach als eine Errungenschaft der modernen Ethik und des modernen, liberalen Rechts angesehen.

Diese Sichtweise verdeckt allerdings die ethische Bedeutung von Kollektiven, also Gruppen und Gemeinschaften, in Medizin und Gesundheitsversorgung. Gerade im klinischen Alltag sind es oft Kollektive, die mit moralischen Fragen ringen: So müssen Behandlungsteams z.B. mit Patienten und Angehörigen gemeinsam eine Entscheidung in reproduktionsmedizinischen Fragen oder am Lebensende treffen. Im Bereich der Forschung entstehen zudem neue Kollektive, etwa wenn Betroffene als Teilnehmer partizipativer Forschung zusammen mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Richtung und konkrete Durchführung mitbestimmen.

Hinzu kommen grundsätzliche Konfliktfelder, die insbesondere im Bereich von Gesundheitsethik/Public Health immer deutlicher werden: Inwiefern dürfen die Interessen des Einzelnen zu Gunsten des Kollektivs (z.B. Impfen, Quarantäne bei hochansteckenden Krankheiten) eingeschränkt werden? Welche Rolle soll Gruppensolidarität spielen, z.B. wenn es um die Aktivierung von Bürgerinnen und Bürgern zur Forschungsteilnahme, Organ- und Gewebespende o.ä. geht?

Allgemein ist festzustellen, dass in unserem hochkomplexen Gesundheitswesen und gerade auf gesundheits- und biopolitischer Ebene vorrangig gesellschaftlich organisierte Gruppen agieren. Ärzteschaft, Industriebverbände, Patientenverbände, zivilgesellschaftliche Gruppen, Kirchen, Gewerkschaften, Interessensverbände von Pflegenden oder anderen Berufsgruppen sind hier (neben dem Staat als übergeordnetem Akteur) zu nennen. Insbesondere Expertengruppen, wie z.B. Ethikgremien, stellen mit ihrem kollektiven Konsens oder gemeinschaftlichen Kompromissen häufig wichtige Weichen für politische Entscheidungsprozesse.

Die Jahrestagung der Akademie für Ethik in der Medizin 2019 möchte sich sowohl aus theoretischer als auch praxisnaher Sicht dem vielschichtigen Thema der Kollektive und Kollektivakteure nähern. Unter Kollektiven sollen verschiedenste Gemeinschaften (Familien, Professionen, Religionsgruppen etc.). gefasst werden. Unter organisierten Kollektivakteuren verstehen wir Gruppen von Personen, die sich explizit einer gemeinsamen Sache verschrieben haben und als Kollektiv Handlungs- bzw. Entscheidungsrechte für sich beanspruchen.

Der Fokus der Tagung soll auf Kollektiven liegen, deren Handlungen und Stellungnahmen normative Geltung beanspruchen. Es soll zum einen geklärt werden, was kollektive Akteure ausmacht und wie kollektive moralische Ansprüche zustande kommen bzw. gerechtfertigt werden können. Zum anderen soll anhand ausgewählter Praxisfelder diskutiert werden, ob und in welcher Weise bisherige Ansätze in Theorie und Praxis einer Erweiterung um kollektive Perspektiven bedürfen.

Die Jahrestagung 2019 will sich daher sowohl in Plenumsbeiträgen als auch Sektionsvorträgen u.a. folgenden Fragen widmen:

  • Was ist ein Kollektiv? Welche normativen Erwartungen sind mit verschiedenen Gruppentypen verbunden? Was unterscheidet z.B. Familien als Kollektive von einem Behandlungsteam oder dem Staat?
  • Welche theoretischen Ansätze, Konzepte und Methoden sind notwendig, um der ethischen Bedeutung der kollektiven Dimension gerecht zu werden (Kommunitarismus in der Medizinethik; Eingrenzung und Ausgrenzung)?
  • Welche ethischen Konflikte zwischen Individual- und Kollektivinteressen bestehen aktuell in medizinischer Versorgung bzw. im klinischen Alltag? Welche Lösungsansätze gibt es?
  • „Wir-Medizin“: Inwiefern sind Annahmen über Patienten als „Gruppe“ immanent in neuen Paradigmen wie evidenz-basierter oder stratifizierter Medizin enthalten? Wie lässt sich z.B. gruppennützige von fremdnütziger Forschung praktisch und normativ abgrenzen?
  • Wie definiert sich kollektive Verantwortung und wo kommt sie in medizin- und gesundheitsethischen Fragen zum Tragen? Welche Gruppen haben welche Art von kollektiver Verantwortung?
  • Was ist kollektive Autonomie und wie müssen Entscheidungsprozesse in sozialen Gruppen konzipiert sein, um normativ als kollektive Sichtweisen zu gelten? Wie lassen sich kollektive Formen der Zustimmung (wie z.B. community consent/family consent) begründen? Wo sind die Grenzen kollektiver Autonomie? Wie ist mit moralischem Dissens innerhalb von Kollektiven umzugehen?
  • Welche ethischen Ansprüche sind an die Repräsentation von Kollektiven anzulegen? Wer darf für ganze Gruppen sprechen? Wie regeln Familien, Kirchen oder Patientengruppen solche Repräsentationen und welche ethischen Herausforderungen ergeben sich daraus? Welche Rolle spielt soziale Vulnerabilität in diesen Entscheidungsprozessen?
  • Wie bewerten wir Gerechtigkeit zwischen Gruppen (z.B. Zugang bestimmter Gruppen zur Versorgung)? Welche Rolle sollte Solidarität mit Gruppen von Patienten spielen? Welche normative Bedeutung wird der Gruppenzugehörigkeit bei ethischen, rechtlichen oder sozialen Fragen der Verteilung von Gesundheitsgütern beigemessen?

Neben der ärztlichen und pflegerischen Praxis sollen für die Diskussion dieser Fragen wissenschaftliche Perspektiven, insbesondere der Ethik, Philosophie, Theologie, Medizin, Pflege- und Gesundheitswissenschaften, Soziologie, Politik-, Kultur- und Rechtswissenschaften fruchtbar gemacht werden. Ziel ist es, den interdisziplinären Austausch über die normative Bedeutung von kollektiven Akteuren im Gesundheitswesen zu befördern und damit verbundene Herausforderungen für Theorie und Praxis kritisch zu reflektieren.

Einladung

Eingeladen sind Bewerbungen zu Fachbeiträgen aus allen einschlägigen Disziplinen. Beiträge zu konzeptionellen Überlegungen sind ebenso erwünscht wie Erfahrungsberichte aus der Praxis und die Präsentation von Ergebnissen empirischer Forschungsprojekte. Der Fokus soll hierbei auf normativen Fragen und Aspekten von Kollektivität im Zusammenhang mit Medizin, Pflege und Gesundheit liegen. Vier verschiedene Arten von Beiträgen sind möglich: Sektionsvorträge, Poster, Workshops und Präkonferenz-Workshops.

Sektionsvorträge zum Tagungsthema
Diese Vorträge werden in thematisch zusammengestellten, parallelen Sektionen gehalten. Für jeden Vortrag stehen 20 Minuten Redezeit plus 10 Minuten Diskussion zur Verfügung.

Thematisch freie Sektion für Mitglieder der AEM
Wie in den vergangenen Jahren können AEM-Mitglieder in einer speziellen Sektion aktuelle Forschungsergebnisse präsentieren. Diese Sektion ist thematisch frei und nicht an das Tagungsthema gebunden. Für jeden Vortrag stehen 20 Minuten Redezeit plus 10 Minuten Diskussion zur Verfügung

Poster zum Tagungsthema
Zur Jahrestagung gehören eine zentral gelegene Poster-Ausstellung sowie deren Begehung, bei der die einzelnen Poster von ihren Autorinnen und Autoren kurz vorgestellt werden.

Workshops zum Tagungsthema
Workshops sind eigenständig gestaltete, 90-minütige Veranstaltungen, die parallel zu Sektionen stattfinden und sich durch ein innovatives methodisches Vorgehen von den anderen Sektionen abgrenzen und das übliche Format einer Aneinanderreihung von mehreren Kurzvorträgen unter einem thematischen Oberthema verlassen. Die Durchführung einschließlich der Finanzierung von Reise-/Unterbringungskosten für Referentinnen und Referenten liegt in den Händen der Organisatorinnen und Organisatoren des jeweiligen Workshops.

Präkonferenz-Workshops
Am Donnerstagvormittag (26.09.2019) gibt es die Möglichkeit, in Eigenregie Präkonferenz-Workshops auszurichten. Diese Workshops sollen den Teilnehmenden die Möglichkeit geben, sich über theoretische, methodische und praktische Fragestellungen, auch jenseits des Tagungsthemas, zu informieren und zu verständigen. Die Durchführung einschließlich der Finanzierung von Reise-/Unterbringungskosten für Referentinnen und Referenten liegt in den Händen der Organisatorinnen und Organisatoren des jeweiligen Präkonferenz-Workshops. Als Bestandteile der Jahrestagung werden sie aber ins Programm aufgenommen und entsprechend beworben. Des Weiteren werden die Kosten für die Infrastruktur der Präkonferenz-Workshops (Raummiete, Catering) von der AEM übernommen.

Bewerbung

Um sich für einen Sektionsvortrag, einen thematisch freien Vortrag oder eine Posterpräsentation zu bewerben, reichen Sie bitte ein Abstract von maximal 2.700 Zeichen (einschl. Leerzeichen) ein. Die Auswahl unter den Bewerbungen für alle Vorträge und Poster erfolgt auf der Basis eines doppelblinden Peer-Review-Verfahrens durch die Mitglieder eines wissenschaftlichen Beirats nach den Kriterien thematischer Einschlägigkeit, ethischer Relevanz, Originalität und wissenschaftlicher Qualität.

Als Bewerbung für einen Workshop reichen Sie bitte ein Konzept von maximal 5.000 Zeichen (einschl. Leerzeichen) ein, das neben dem Thema und der Gesamtkonzeption vor allem auch die gewählte methodische Vorgehensweise darstellt und dadurch die Wahl des Workshop-Formats (im Gegensatz zu den Vortragssitzungen) begründet. Es wird empfohlen, potentielle Referent*innen zu benennen und anzugeben, ob diese bereits zugesagt haben. Die Auswahl der Workshops erfolgt ebenfalls durch den wissenschaftlichen Beirat.

Als Bewerbung für einen Präkonferenz-Workshop reichen Sie bitte ein Konzept von maximal 5.000 Zeichen (einschl. Leerzeichen) ein, in dem das Thema und das methodische Vorgehen dargestellt werden. Über die Zulassung der Präkonferenz-Workshops entscheidet der Ausrichter der Jahrestagung nach Rücksprache mit dem AEM-Vorstand.

Die Deadline für alle Bewerbungen ist der 31.01.2019.

Nachwuchspreis für den besten Vortrag

Auf der Jahrestagung wird ein Nachwuchspreis für den besten Vortrag zum Tagungsthema vergeben. Der Preis ist mit € 500,- dotiert und erfordert eine Bewerbung. Bewerberinnen und Bewerber dürfen nicht älter als 39 Jahre und noch nicht habilitiert sein. Liegt eine abgeschlossene Doktorarbeit vor, dürfen seit dem Promotionsdatum maximal 5 Jahre vergangen sein. Eine Verlängerung dieser Frist, z.B. aufgrund von Kindererziehung oder Berufstätigkeit außerhalb der Wissenschaft, kann auf Anfrage gewährt werden.

Ein Preiskomitee wählt die Preisträgerin/den Preisträger aus. Die Verleihung des Preises erfolgt am 28. September 2019 im Rahmen der letzten Plenarsitzung.

Während der Tagung wird eine Kinderbetreuung angeboten.



English version


AEM (German Academy of Ethics in Medicine) Annual Conference 2019

Collectivity in Health Care: The Ethics of Social Groups and their Practical Relevance

September 26th  -  28th 2019
Venue: University of Göttingen Germany

Hosted by: Prof. Dr. Silke Schicktanz & Dr. Katharina Beier (Dept. of Medical Ethics and History of Medicine)
Local collaboration: Prof. Dr. Claudia Wiesemann (Chair of the Dept. of Medical Ethics and History of Medicine and Vize Chair of the German Ethics Council) & Prof. Dr. Alfred Simon (Adminstrative director of the Academy of Medical Ethics)

Call for Abstracts

The typical moral agent in contemporary liberal bioethics is the individual. This focus is often considered to be a basic premise of liberal ethics and modern law.

However, this view obscures the ethical relevance of collectives, i.e., social groups and communities, in medicine and health care. In clinical practice, moral issues arise within collectives, not only between individuals. For example, clinical teams are expected to decide together with patients and their relatives about questions confronting them at the beginning or end of their lives. In the context of medical research, new collectives are emerging, e.g. when patient organizations become influential partners in medical research.

Fundamental areas of conflict, which become visible for a longer period of time, tend to occur in the field of Public Health Ethics: When and if and under which circumstances is it morally acceptable to restrict individual freedom for the sake of a collective – as highly debated in the field of vaccination or quarantine? Concepts of solidarity with a particular group or collective responsibility are regularly referred to, when it comes to motivating citizens to research participation or to organ and tissue donation.

The spectrum of groups involved in our complex health care systems is very broad including the state, the medical profession, associations of nurses, the health care and the pharmaceutical industry, patient organizations, civil society groups, churches or trade unions. The manner in which they represent individual as well as collective interests and contribute to political decisions in committees or political processes opens a whole different normative field.

The annual conference of the German Academy of Medical Ethics, which is the leading nation-wide association, aims to approach this complex topic of collectives from ethical-theoretical as well as moral-practical perspectives. Hereby, we include different disciplines such as ethics, philosophy, medicine, nursing studies, law studies, theology, sociology, political sciences, and cultural studies.

The conference’s aim is to clarify the nature of collectives as well as the normative justifications and limits of collective claims. In addition, selected health care fields such as vaccination, research participation, reproductive medicine, end-of-life care or organ/tissue donation will serve as concrete starting points to unfold the various normative and epistemic dimensions of collectivity.  

Key-questions to be addressed:

  • What is a collective? Which normative expectations are associated with different types of groups? How can different collective actors be distinguished (e.g. the family, the state)?
  • Which theoretical approaches, concepts and methods do we need to account for the ethical dimension of collective action (e.g. communitarian approaches in medical ethics)?
  • Which ethical conflicts between individual and collective interests can be identified in current clinical practice and health care provision? What are potential solutions to these conflicts?
  • “We-medicine”: To what extent are new paradigms such as evidence-based or stratified medicine built on perceptions of patients as a ‘group’?
  • How can collective responsibility be defined and where does it play a role in medical and health care ethics? Which groups bear which kind of collective responsibility?
  • What is collective autonomy? How should decisional processes within social groups be designed for decisions to be regarded as genuinely collective ones? How can collective forms of consent (e.g. community consent/family consent) be justified? Where are the limits to collective autonomy and how are we to deal with moral dissent within collectives?
  • Which ethical requirements are to be applied to representatives of collectives? Who may legitimately speak on behalf of a group? How are such representations regulated by families, churches or patient organizations? Which role does vulnerability play in these decisional processes?
  • How do we perceive justice between different groups, e.g. with regard to access to health care? What role should solidarity play with regard to groups of patients?

Call for Papers

Contributions are invited from all relevant disciplines. Contributions to conceptual considerations are just as welcome as reports from the practice and the presentation of results of empirical research projects. The focus should be on normative questions and aspects of collectivity in connection with medicine, care and health. There are four different types of contributions possible: section lectures, posters, workshops and pre-conference workshops.

Contributions and submisstions can be in German or English. Participants must be aware that majority of contributions will be held in German.

Posters
Part of the annual conference is a centrally located poster exhibition as well as a visit to which the individual posters are briefly presented by their authors.

Workshops
Workshops are self-designed, 90-minute sessions, which take place in parallel to the sections and which distinguish themselves from the other sections through an innovative methodological approach. They diverge from the usual format of a series of short presentations under a thematic main topic. The realization, including the financing of travel / accommodation costs for lecturers, is in the hands of the organizers of the respective workshop.

Application

To apply for a section lecture, a thematically free lecture or a poster presentation please submit an abstract of up to 2.700 characters (incl. spaces). The selection of applications for all lectures and posters is based on a double-blind peer review process by the members of a scientific advisory board according to the criteria of relevance, ethical relevance, originality and scientific quality.

To apply for a workshop please submit your concept paper of up to 5.000 characters (incl. spaces) which, in addition to the topic and the overall concept, above all represents the chosen methodological procedure and thus the choice of the work-shop format (in contrary to the lecture sessions). It is recommended to name potential speakers and indicate if they have already agreed. The selection of workshops is also carried out by the scientific advisory board.

Application-deadline is January 31st, 2019.

Young investigator award for the best lecture

At the annual conference, a young investigator award will be given for the best lecture on the topic of the conference. The prize is worth € 500,- and requires an application. Applicants must not be older than 39 years and not yet habilitated. If there is a completed doctoral thesis available, a maximum of 5 years may have elapsed since the doctorate date. An extension of this deadline, e.g. due to parenting or work outside the science, can be granted on request.

The laureate will be selected by a prize committee. The prize will be awarded on 28th September 2019 during the last plenary session.

Applicants in English might also contact the AEM office for support and details in submission.

Kontakt

Akademie für Ethik in der Medizin e. V.
Humboldtallee 36
D-37073 Göttingen

Tel.: +49-551/39-9680
Fax: +49-551/39-33996
E-Mail: jahrestagung(at)aem-online.de